Eine Stunde vor Ablauf der Endfrist gab Annas Vater, König Walter von Dingelland, eine Presseansprache. Er erklärte das ungeheure Leid und das ständigen Bangen um das Leben ihrer Tochter, welchem die royale Familie seit hunderten von Tagen ausgesetzt war, betonte aber zugleich auch, wie fortschrittlich Dingelland im Umgang mit solchen Themen sei – im Gegensatz zu anderen, streng erzkonservativen Ländern, sei man hier bereit, die praktisch schon dahingeschiedene Prinzessin in Würde und unter dem tränengefüllten Augen der Weltöffentlichkeit sterben zu lassen. Darüber hinaus sei Anna natürlich Organspenderin, so dass sie selbst in ihrem Tod noch anderen Menschen (wie etwa dem morbid fettleibigen aber politisch gut verbundenen Kettenraucher Uwe K. ) neues Leben spenden könne.
Noch während König Walter weiterhin die progressive Sterbekultur seines Landes pries, erwachten die ersten Kameras in Prinzessin Annas Krankenzimmer zum Leben. Es war ein surrealer Anblick – Anna lag in ihrem Bett; neben ihrer Seite ein moppeliges kleines Mädchen mit unmöglich roten Hamsterbacken, der die Ehre zu teil geworden war, die letzten Gebete für die Prinzessin sprechen zu dürfen.
Die Tatsache, dass die junge Frau, deren Hand es gerade noch streichelte, schon bald ein verrottender Leichnam sein würde, schien das Mädchen nicht zu stören und es plapperte fröhlich in die Mikrophone der sie umringenden Journalisten; erklärte ihr Name sei Marcellin und sie sei für diese Rolle ausgewählt worden, weil sie daheim im Kirchenchor doch so schön singen könne und sich immer brav auf den Schoß des Priesters setze, wenn er sie darum bat. Auf die Frage, ob sie der baldige Tod der Prinzessin nicht traurig mache, antwortete die nun ja bekannte Marcelle, die liebe Anna schlafe nur und werde bald lediglich noch etwas tiefer schlafen.
Freilich konnte man das Kind für diese Aussage kaum strafen, teilweise weil es recht offensichtlich nicht die hellste Leuchte im Schrank war und seine Mutter sich vermutlich zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt ein paar Drinks genehmigt hatte, teilweise aber auch, weil die Prinzessin so ruhig und friedlich da lag, dass man sie durchaus für schlafend halten könnte – wenn man denn von dem surrend-keuchendem Lärm der Maschinerie und den vielen Schläuchen um und in ihr absah.